Sonntag-Nachmittag, sturmfrei und in Faulenzlaune. Neben dem Fernseher befinden sich noch zwei ungesehene DVDs zum Thema Kriegsfotografie. Leihgabe eines Kumpels. Nach dem Zufallsprinzip entscheide ich mich für “War Photographer” von James Nachtwey.
Schnell noch einen Kaffee machen und dann auf die Couch lümmeln.
Schon nach den ersten Minuten ist es vorbei mit der Sonntags-Idylle. Die Bilder, die ich präsentiert bekomme, schockieren mich. Krieg, tote Soldaten, leidende Menschen, weinende Familien und mittendrin ein Fotograf, der scheinbar unbekümmert mit seiner Kamera drauf hält…
Spontan schiessen mir zwei Fragen durch den Kopf: “Wie kann man nur so skrupellos seine Arbeit verrichten?” gefolgt von “Kann ich mir das wirklich geben oder sollte ich lieber abschalten?”.
Wenn ich wirklich eine Antwort auf die erste Frage bekommen möchte, bleibt mir nichts anderes übrig, als mich für Weitergucken zu entscheiden. Leicht fällt es mir nicht, dennoch möchte ich wissen, warum dieser Mensch das tut, was er dort tut. Ich habe die Hoffnung (und tief in mir drin bin ich mir sogar sicher), dass seine Beweggründe über Abenteuer, Selbstdarstellung und Profit hinausgehen.
Ein Grossteil der Filmaufnahmen dieser Dokumentation wurden aus der Ego-Perspektive gemacht. Hierzu hat James Nachtwey seine Spiegelreflex um eine Mini-Videokamera erweitert, die knapp hinter dem Body der SLR angebracht ist. Mittendrin statt nur dabei. Manchmal zu sehr, für meinen Geschmack.
Nachdem viele schockierende Eindrücke auf mich eingeprasselt sind, meldet sich James das erste Mal im Interview zu Wort. Die ersten Fragen nach dem Warum werden beantwortet. Er erklärt seine Arbeit:
“Diese Fotos kann ich nur machen, weil die Menschen mich akzeptieren. Sie wollen, dass diese Fotos von ihnen gemacht werden. Die Welt soll sehen, welches Leid ihnen zugefügt wird. Meine Fotos sind ihr Sprachrohr!”
Im weiteren Verlauf kommen Kollegen zu Wort, die James als einen Menschen beschreiben, der viel, viel näher am Geschehen ist, als jeder andere Fotograf. Er sei nicht nur Fotograf, sondern mische sich aktiv ins Geschehen ein, heisst es. Wo sich andere abwenden, um ihr Selbst zu schützen und sich durch Abstand ihr Gewissen zu bewahren aus der Verantwortung zu ziehen, weil sie ab einem gewissen Punkt mit all dem nichts mehr zu tun haben wollen, da mischt sich James Nachtwey ein.
Das was dort erzählt wird, ist kein Geschwätz. Eine Szene zeigt, wie ein blutüberströmter Mann von einer wilden Horde Menschen mit Knüppeln und Macheten durch die Strassen getrieben wird. Als dieser Mann halbtot auf der Strasse liegt, wirft sich James auf seine Knie und fleht den Mob um Gnade an. Er riskiert sein Leben, während seine Kollegen aus sicherer Entfernung ihrem Job nachkommen und alles fotografisch festhalten.
Trotz alledem bleibt James Nachtwey seinen Mitmenschen gegenüber stets bescheiden. Er prahlt nicht mit dem, was er tut und erlebt. Geschichten muss man ihm förmlich aus der Nase ziehen. Seine Fotos sagen mehr, als er es mit Worten könnte. Mir wird bewusst, dass dieser Mann seine Mission hat. Und die ist fernab von dem, was ich in den ersten Minuten der Dokumentation vermutete.
Bei dieser DVD (und dem Thema Kriegsfotografie generell) handelt es sich um schwere Kost. Dennoch sei jedem, der sich für Fotografie jenseits der heilen Welt interessiert, diese Dokumentation empfohlen!
“Jede Minute an diesem Ort denke ich an Flucht.
Ich will das nicht mit ansehen.
Soll ich weglaufen oder soll ich mich der Verantwortung stellen,
mit meiner Kamera alles festzuhalten?”(James Nachtwey)




achja, der james “bulletproof” nachtwey… wenn der so weitermacht, wird er seine rente nicht mehr auskosten können.
ich hab´ den film vor ein paar jahren auf arte gesehen und fand ihn sehr aufschlußreich, weil er permanent dem vorwurf ausgesetzt ist, er würde den krieg ästhetisieren, dabei ist er einfach nur mitten im geschehen und hat ein sehr intuitives gespür für eine bildgestaltung, die den meisten betrachtern wohl zu plakativ ist für dieses thema.
justmy2cents
Hallo Mitchy,
Ich bin ganz dankbar, dass es dieses Genre der Fotografie gibt.
Nicht aus der Sensationslust heraus solche Bilder sehen zu wollen, nein ganz und garnicht.
Solche Bilder, die oftmals auch Momente zeigen, in denen ein Mensch über das Leben eines anderen entscheidet, wird niemand gerne sehen wollen.
Aber es müssen solche Bilder gezeigt werden, heute wie auch früher.
Im Web 2.0 Zeitalter mit “Embedded” Reportern und Darstellungen des Krieges die in Richtung High-Tech geht, mit Animationen und bunten, schnellen Bildern, muss es unzensierte Aufnahmen geben, die einen Krieg oder Konflikt ungeschönt und genau so roh zeigen, wie er ist.
Keine bunte Animation, kein geschwollener Kommentar, eine einfache Momentaufnahme reicht oft aus um das ganze Ausmaß an Elend, Hass, Sinnlosigkeit, Hoffnungslosigkeit und Gewalt darzustellen, das in solchen Krisenherden herrscht.
Ich kann mich heute noch an meine ersten gesehenen, unzensierten Kriegsbilder erinnern, über die ich damals zufällig im Web stolperte,
auf denen mich mit leeren Augen ein lebloses Kindergesicht anblickte, dass im Dreck lag und dem frisches Blut aus einer Kopfwunde über die Wangen ronn.
Um diesen jungen, leblosen Körper schien das Leben ganz normal weiter zu gehen.
Das mag gute 10 Jahre her sein, als ich auf dieses Bild stiess, und ich stockte schockiert, konnte mich aber nicht abwenden.
Mir wurde auf eine komische Art bewusst, dass dies reell war.
Kein Film, kein Krimi, kein Spiel – die pure Realität und Sinnlosigkeit des Krieges.
Ich glaube genau deswegen braucht es Menschen die diese ungeschönte Welt solcher Konflikte zeigen, um uns davor zu bewahren die Menschlichkeit zu verlieren und vorschnell über irgendetwas zu urteilen.
Respekt vor allen Fotografen, die dies aus diesem Idealismus und nicht aus Sensationsgeilheit tun können.
Ich wünsche Ihnen, dass sie einmal wieder eine Nacht diese Bilder vergessen und durchschlafen können.
Eine unheinmlich große Last nehmen sie auf sich um uns einen wahren Blick auf die Geschehnisse zeigen zu können.
Als Linktipp kann ich hierzu vielleicht noch die Jahresgallerie der als “World Press Photo” gekürten Bilder empfehlen:
http://www.archive.worldpressphoto.org/years
Hallo Mitchy!
Jetzt gebe ich auch mal meinen Senf dazu ab
Sicherlich mögen solche Bilder für den Großteil sehr schrecklich, furchterregend und abstossend sein.
Egal welche Motivation Fotografen dazu antreibt derartige Bilder zu machen und manchmal stellt man sich die Frage „Wie kann einer da nur seine Kamera da drauf halten und Fotos schiessen“.
Lassen wir mal alle Bedenken bei Seite und schauen uns doch mal die Wirkung dieser Bilder auf den Betrachter an. Sie erzeugen Mitleid, Abscheu und manchmal bringen sie auch einen zum Weinen. Wir Menschen sind visuelle Wesen. Nur das was wir wirklich sehen, kann uns erreichen und berühren. Nur wer sehen kann, was Kriege anrichten und welches leid sie über die Menschen bringen, wird Kriege vermeiden wollen.
Ohne diese Fotos von solchen Fotografen, wären wir in der Abrüstung nicht so weit wie heute. Erst als die Menschen sehen und Begreifen konnten, was Kriege und diese schrecklichen Waffen für ein Leid anrichten, wurden die ersten Friedensbewegungen gegründet.
Wo wäre unser Wissen und die Abscheu gegen die Gräueltaten der Nazis, gäbe es die schrecklichen Bilder aus den Konzentrationslagern nicht. Was würden wir von den Massenmorden im Jugoslawienkrieg, ohne diese Fotos, wissen?
Ohne diese Bilder könnten Kriegstreiber und Verbrecher gegen die Menschlichkeit nicht vor Gericht gestellt werden.
Deshalb ist es wichtig, dass es solche Fotografen gibt. Jeder der sehen kann wie Krieg aussieht, wird ihn verhindern wollen.